Dr. Cord Brügmann zu Legal Tech in Afrika

Ohne ein funktionierendes Rechtssystem kann sich die Wirtschaft in einem Land nicht entwickeln. Die Förderung einer unabhängigen und unbestechlichen Justiz in den Entwicklungsländern ist deshalb auch ein Anliegen der deutschen Entwicklungspolitik. Rechtsanwalt Dr. Cord Brügmann, ehemaliger Hauptgeschäftsführer des Deutschen Anwaltvereins (DAV), engagiert sich für die International Bar Association in diesem Bereich. Auf dem Anwaltszukunftskongress in Köln wird er darüber sprechen, welche wichtige Rolle Legal Tech beim Zugang der Bürger zum Recht in Entwicklungs- und Schwellenländern spielt.


Welche Projekte führen Sie derzeit nach Äthiopien?

Brügmann: Vorwiegend die Unterstützung der äthiopischen Anwaltschaft und des dortigen Justizministeriums beim Entwurf eines Gesetzes, das den Anwaltsberuf modernisieren und die Anwaltschaft unabhängig machen soll. Das mache ich für die International Bar Association, die globale Dachorganisation aller Anwaltskammern und -verbände. Bisher werden Anwältinnen und Anwälte unmittelbar vom Staat verwaltet; sie müssen jedes Jahr um eine Re-Lizensierung nachsuchen. In der Vergangenheit wurde das genutzt, um unliebsame Anwälte mundtot zu machen. Heute – unter einer neuen Regierung – soll die Gesellschaft geöffnet werden für Demokratie und Rechtsstaat; und da will die Regierung den Anwälten die Möglichkeit geben, sich weitgehend selbst zu verwalten. Aber neben der Berufsaufsicht ist auch die Modernisierung der Rahmenbedingungen für anwaltliches Arbeiten nötig; bisher können Anwälte in Äthiopien sich beispielsweise nicht zu Kanzleien zusammenschließen.

Welche Bedeutung kommt Legal Tech in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu?

Brügmann: Der Zugang zu Rechtsinformationen ist ein Hauptproblem. Das gilt für Bürgerinnen und Bürger, aber auch für Gerichte und Anwälte. Bis heute ist es schwierig, Gesetzestexte und Urteile der obersten Gerichte zu bekommen, um auf Basis des geltenden Rechts gut zu beraten oder zu entscheiden. Digitale Kommunikation kann da immens helfen.

Können Sie Beispiele für erfolgreiche Legal Tech-Anwendungen in diesen Ländern nennen?

Brügmann: Ich beschränke mich auf Afrika: In Äthiopien denke ich an einen Anwalt, der schon als Student begonnen hat, Gesetzestexte mit einem kleinen Handscanner zu erfassen und in einer selbst programmierten Datenbank systematisch abzulegen. Kürzlich hat er begonnen, auch obergerichtliche Rechtsprechung in eine Datenbank aufzunehmen und auf einer Website sowie auf USB-Sticks (das Internet funktioniert häufig nicht in Äthiopien) zur Verfügung zu stellen. Er ist ein Legal-Tech-Pionier in Ostafrika, dessen Produkte mittlerweile auch vom Obersten Gerichtshof des Landes genutzt werden.

Wie sieht das in anderen Ländern aus?

Brügmann: In Afrika gibt es eine lebendige Legal-Tech-Szene, von der ich auch beim Anwaltszukunftskongress im Oktober in Köln berichten werde. Die Startups in Afrika sind unglaublich kreativ, erfindungsreich und haben sowohl die Business-Community als auch die Bevölkerung im Blick, die mit Rechtsinformationen unterversorgt ist. Ein Beispiel: He Lawyer aus Benin, ein Chatbot für diverse Rechtsfragen. Oder Gavel aus Nigeria – das ist ein Tech-Startup, das Untersuchungshäftlingen hilft, ihren Fall zu beschleunigen, durch Transparenz, die mithilfe von Technologie hergestellt wird und mit Pro-Bono-Anwälten. Oder nehmen Sie das nigerianische Startup Farmworkerzapp, das Feldarbeiter und Arbeitgeber zusammenbringt und auf die Einhaltung arbeitsrechtlicher Standards achtet. Zuletzt: Barefootlawyer aus Uganda, die das Ziel verfolgen, die Bevölkerung mit kostenlosen Rechtsinformationen zu versorgen und dabei einen Schwerpunkt auf besonders verletzliche Menschen legen.

Welches sind die größten Hindernisse, die Legal Tech-Start-ups in diesen Ländern überwinden müssen?

Brügmann: In einigen Ländern ist die technische Infrastruktur noch nicht so weit, dass digitale Angebote flächendeckend und 24/7 genutzt werden können. In anderen Ländern stehen digitale Angebote in Konkurrenz zu jahrhundertealter traditioneller Rechtsvermittlung und Streitschlichtung. Natürlich sehen etablierte Akteure auf dem Rechtsdienstleistungsmarkt Legal Techs auch als Konkurrenz. Aber ehrlich gesagt ist das nichts, was wir nicht auch kennen. Und vielleicht ist es in nicht ganz so stabilen Gesellschaften sogar einfacher, disruptiv zu sein, weil nicht so viele Widerstände überwunden werden müssen und weil der Bedarf nach schnellen und günstigen Rechtsdienstleistungen noch viel deutlicher auf der Hand liegt.

Gibt es bereits einen Austausch oder Kooperationen zwischen der Legal Tech-Szene in den westlichen Industrienationen und der in den Entwicklungsländern?

Brügmann:  Vereinzelt ja. Aber ich sehe hier noch ein großes Potential in den Wachstumsmärkten Afrikas. Das gilt für den Austausch von Know-How, aber auch für Investoren. In der Entwicklungszusammenarbeit ist Rechtsstaatsförderung bisher in vielen Ländern rückständig, auch weil das Potential der Digitalisierung noch nicht gesehen wird. Und natürlich ist es auch im deutschen und europäischen Interesse, für Business in Afrika stabile rechtliche Strukturen zu fördern. Das macht Afrika für Investoren aus dem Legal-Tech-Bereich interessant.

2019-08-30T13:09:40+02:002. August 2019|Allgemein, Rainmaker News|

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